Dickkopffalter und Kleideraffen

Entdeckung neuer Tier- und Pflanzenarten in Vietnam

Stefan Kühner

Elf Tier- und Pflanzenarten wurden in der vietnamesischen Provinz Hue-Thua Thien von Wissenschaftlern neu entdeckt, berichtet der WWF Ende September 2007 in einer Pressemeldung. Die Region in Mittelvietnam ist als "Grüner Korridor" bekannt.

Zu den neu entdeckten Arten zählen zwei Schmetterlinge, eine Schlange, fünf Orchideen und drei weitere Pflanzen. Diese Arten sind ausschließlich in den tropischen Urwäldern des Truong Son Gebirges (auch zentrales Bergland genannt) in Vietnam heimisch. Zehn weitere Pflanzenarten, darunter vier Orchideen, werden derzeit noch bestimmt. Auch hier geht man davon aus, daß es sich um bislang unbekannte Arten handelt.

"In so besonders entlegenen Regionen, wie es der ‚Grüne Korridor' ist, können noch viele weitere Entdeckungen auf uns warten", sagt Volker Homes, Artenschutzexperte des World Wildlife Fund (WWF). Bereits in den 1990er Jahren stießen Naturforscher hier auf mehrere bis dahin völlig unbekannte große Säugetierarten. Dazu gehört die seltene Saola, eine Wildrindart, die im Jahr 1992 entdeckt wurde.

Neu beschrieben wurde bei den Schmetterlingen der Dickkopffalter, der sich durch sein schnelles, pfeilartiges Flugverhalten auszeichnet. Die andere Schmetterlingsart gehört zu der neuen Gattung der Augenfalter. Außerdem wurde eine bis dato unbekannte Wassernatter entdeckt. Den Kopf der gering giftigen Schlange schmückt ein gelb-weißer Streifen, ihren bis zu 80 Zentimeter langen Körper zieren rote Punkte. Drei der neu entdeckten Orchideenarten sind ganz und gar blattlos. Ihnen fehlt das für die meisten Pflanzen lebensnotwendige Blattgrün, denn sie ernähren sich von absterbendem Material. Außerdem wurde eine Schusterpalmenart entdeckt, die eine nahezu schwarze Blüte hervorbringt. Gelbe Blüten mit trichterförmigen Blättern besitzt dagegen die neue Art der Arum-Lilien.

Wassernatter (Amphiesma leucomystax)

Die Regenwälder des zentralen Berglandes in Vietnam existieren in ihrer heutigen Form wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden. Aus diesem Grund bieten sie vielen Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen Lebensraum. Vor allem im "Grünen Korridor" sind viele schon bekannte, aber bedrohte Arten zuhause wie zum Beispiel der Weißwangengibbon, eine der weltweit am stärksten gefährdeten Affenarten. Laut WWF befinden sich die hier heimischen Arten aufgrund illegaler Jagd, der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und infrastruktureller Maßnahmen in permanenter Gefahr.

Der graue Kleideraffe lebt noch

Bereits im Juli berichtete VNS über die sensationelle Wiederentdeckung bereits ausgestorben geglaubter Tierarten:

Ein Team von Wissenschaftlern des WWF und der Organisation Conservation International entdeckten in Vietnam eine große Siedlungsfläche des grauen Kleideraffen (Pygathrix cinerea). Die Entdeckung gibt Hoffnung, daß diese seltenen Primaten damit vor dem endgültigen Aussterben bewahrt werden können. Die Kleideraffen gehören zu den 25 am meisten bedrohten Primaten und kommen ausschließlich in den fünf Provinzen Mittelvietnams Quang Nam, Kon Tum, Quang Ngai, Binh Dinh, and Gia Lai vor.

Die größte Gefahr für die Kleideraffen geht von der traditionellen chinesischen abergläubischen Medizin aus. Bei den von ihr empfohlenen Heilungsmethoden spielen Kleideraffen eine große Rolle. Aus ihrem Fleisch und ihren Knochen wird monkey balm gekocht, eine schmierige Masse, der man eine Wirkung gegen verschiedenste Krankheiten zuspricht. Da diese Wirkung jedoch nur eintritt, wenn die "Medizin" tatsächlich aus diesen Affen produziert wird und getötete Tiere im tropischen Klima nur wenige Stunden transportiert werden können, versuchen die Händler, lebende Kleideraffen nach China zu schmuggeln. Diese sind begehrt und bringen auf den Tiermärkten Chinas hohe Preise. Durch falsche Ernährung und den qualvollen Transport überleben die besonders streßanfälligen Kleideraffen jedoch nur kurze Zeit - gerade lang genug, bis sie zu einem Mittel der Quacksalberei verarbeitet werden.

Grauer Kleideraffe

Wegen der großen Nachfrage werden sie innerhalb ihres gesamten Verbreitungsgebietes intensiv gewildert. Daß Kleideraffen den strengsten vietnamesischen Schutzbestimmungen unterliegen, ändert die Situation kaum, zu groß ist der finanzielle Anreiz.

Eine weitere Gefährdung entsteht durch eine geplante Straße, die den Lebensraum der Kleideraffen durchschneidet.

Dieser Fall ist nur ein Beispiel. Mit der raschen wirtschaftlichen Entwicklung Vietnams steigen auch die Konsumwünsche. Nach dem Drogenhandel ist der Handel mit Wildtieren zur größten illegalen Geldquelle im Land geworden.

Der WWF und lokale Behörden versuchen durch Ausbildung von Ranchern und Schutzprogramme die Population des Kleideraffen zu schützen. Man hofft auf Gelder von Stiftungen und dem WWF. Das Endangered Primate Rescue Center (EPRC) im Cuc Phuong National Park, das 1993 mit deutscher Hilfe seine Arbeit aufnahm, fordert inzwischen die Behörden in vielen Landesprovinzen auf, verstärkt gegen den illegalen Affenhandel vorzugehen.

Den Vietnamkrieg einschließlich der amerikanischen Entlaubungsaktionen mit dem Nervengift Agent Orange haben die Kleideraffen wie durch ein Wunder überstanden, nun muß man fürchten, daß diese Tierart schließlich doch noch der Gier des Menschen nach Geld und Wunderheilmitteln zum Opfer fällt.

Quellen: VNS und: www.wwf.de/presse;
http://www.conservation.org;
http://magazin.naturspot.de/text/kleideraffen.html
Photos: WWF