Alvin Youngs „wissenschaftlicher” Beitrag zur Diskussion um Agent Orange
Es ist jetzt bald fünfzig Jahre her, seit die US-Army die militärische Operation „Ranch Hand” begannen, bei der große Mengen Agent Orange und damit Dioxin in Südvietnam versprüht haben.
Alvin Young war in hervorragender Position an der Erarbeitung und Überwachung der Produktion dieser Herbizide beteiligt, und zwar seit den 1960er Jahren. Nachdem er aus der Luftwaffe in den Ruhestand ausgeschieden war, erhielt er nun Unterstürzung von den Herstellern dieser Herbizide Monsanto und Dow Chemical. Außerdem wirkte er als Sprecher der US-Regierung in den Verhandlungen über Entschädigungen für Vietnam. Sein „neues” Buch über das Thema – eigentlich nur eine nicht weiter quellenmäßig ausgewiesene Kompilation von eigenen und fremden Forschungsergebnissen – enthält einige wertvolle Informationen. Dieser Vorteil ist allerdings von wenig Gewicht angesichts einer sehr großen Anzahl von schwerwiegenden wissenschaftlichen Mängeln.
Youngs Buch ist eine Schatzkammer, die Daten über die Herbizide enthält, die bislang der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Aber auch hier trügt der Schein: Seiten um Seiten mit Texten, vielen Illustrationen und Photos wurden direkt aus Youngs früheren Publikationen übernommen, ohne daß dies bibliographisch nachgewiesen würde. Außerdem finden sich sehr lange direkte Zitate aus den Arbeiten anderer Autoren, die nicht als solche gekennzeichnet und deren Quellen infolgedessen auch nicht genannt werden. Selbst wenn man in diesen Fällen von der Copyright-Frage absieht, so entsteht für Leser oder Nutzer, welche die Inhalte des Buchs zitieren wollen, die Schwierigkeit, solche Belege erst mühsam ermitteln zu müssen, wenn sie das Original von den nur nachgedruckten Texten unterscheiden wollen.
Ein zweiter Vorbehalt: Viele Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen, Unterstreichungen und Hervorhebungen werden ohne Kennzeichnung hinzugefügt, und die Werke anderer Autoren werden bewußt falsch interpretiert. Zum Beispiel wird der Generalmajor John Murray – der die militärischen Berichte für eine geplante, aber später aufgegebene Agent Orange Studie auswertete – zitiert, er habe darauf gedrängt, alle auf militärischen Berichten beruhende Studien aufzugeben (hier fügt Young eine Hervorhebung mit Großbuchstaben und Fettschrift ein). Eine Überprüfung am Original zeigt indessen, daß auf Murrays Zitat unmittelbar folgende Aussage folgt: „Es versteht sich natürlich von selbst, daß acht weitere Studien, die die Wahrscheinlichkeit der Auswirkungen von Agent Orange-Kontakten bestimmen sollen und die von den Veteranen-Ämtern in Auftrag gegeben worden sind und für die die Joint Services Environment Support Goup die entsprechenden Sprühpläne und zusammenfassende militärische Berichte zur Verfügung stellt, in vollem Umfang weitergeführt werden müssen” [1]
Und die Arbeiten von Palmer werden angeführt als Beleg für die Auffassung, daß die Wissenschaft nichts zur Aufklärung der gesundheitlichen Auswirkungen von Agent Orange beitragen könne, weil es „zu viele Unterschiede in der Lebensqualität” gebe. Auch hier ergibt ein Blick in den Originaltext, daß Palmer gerade dies nicht sagt – abgesehen davon, daß sein Text mit einer falschen Jahreszahl zitiert wird, was die Nachprüfung der Aussage erschwert. [2]
Kürzlich hat Young eine neue Theorie vorgeschlagen, um seine Behauptung zu unterstützen, daß keine US-Soldaten direkt selbst besprüht worden seien. Er behauptet einfach, die Tatsache, daß es keine Berichte über Verluste auf der eigenen Seite durch Angriffe von Kampfflugzeugen gebe, die die Sprühflugzeuge eskortierten, beweise, daß es auch keine Agent Orange-Besprühung eigener Truppen gegeben habe. Er zitiert dazu den pensionierten Air-Force-Piloten Flanagan, der Berichte über seine Einsätze in Vietnam veröffentlicht hat. Aber in Wahrheit spricht Flanagan in seinen Beschreibung sehr verächtlich über die Art und Weise, wie die militärischen Berichte zustande kamen, auf die sich Young bezieht: „Fehler wurden niemals zugegeben … „freundliche Verluste”, die ja auf solchen Fehlern beruhten, wurden natürlich ebenfalls in keinem Fall registriert.” [3]
Mit dem Anspruch, endlich die Wahrheit zu enthüllen, beschreibt Young unsere Methode der Aktualisierung und Korrektur der Folgen der Agent Orange-Besprühungen als ein „bedauerliches Mißverständnis” des Vorgehens der Berichte. Wir müssen demgegenüber betonen, daß unsere Untersuchungen in Zusammenarbeit mit denjenigen Personen im Verteidigungsministerium (DoD) durchgeführt wurden, die am meisten über diese Vorgehensweisen unterrichtet waren – das Zentrum für die Erforschung der Berichte aus den Einheiten – und daß einer der Mitautoren der Hauptmann (i.R.) Christian war, der ehemalige Direktor der Joint Services Environmental Group im DoD. Young beschuldigt die Navigatoren der Sprühflugzeuge, nicht gewußt zu haben, wo sie sind, oder die Piloten, nicht mit der nötigen Präzision ihre Sprühziele ausgemacht zu haben – und verschweigt die Existenz und den Nutzen der umfangreichen Sprühberichte, die verfügbar sind und den Beweis des Gegenteils liefern.
Einige in dem Buch enthaltene Behauptungen sind entweder unaufrichtig oder widersprechen früheren Veröffentlichungen des Autors. Young erklärt, daß die Unterlassung, in den militärischen technischen Daten ein Maximum für den erlaubten Dioxinanteil in den Herbiziden festzulegen, erfolgt sei, weil darüber noch nicht genug bekannt und die praktische Messung dieses Anteils sehr schwierig gewesen sei. Aber zwanzig Jahre zuvor wurde in einem vom ihm selbst herausgegebenen Buch festgestellt, daß „die Hersteller von Trichlorphenol und von 2,4,5-T seien schon seit Jahren davor gewarnt worden, daß diese Art von Zusammensetzungen und vor allem ihre Unreinheit beim Menschen Giftreaktionen verursachen … und dieselben Produzenten hatten schon im Jahre 1941 eine … Methode zur biologischen Wirkungsuntersuchung … entwickelt, mit dem Zweck, die Herstellung der Herbizide zu überwachen.” [4] Und in der Tat gestand im Jahre 1965 V. K. Rowe von der Dow Chemical Company ein, daß es ein höchst außergewöhnliches Treffen mit seinen Toxikologen-Kollegen von der Konkurrenz gegeben habe, bei dem davor gewarnt worden war, daß diese Herbizide gefährlich seien und daß das Herstellungsverfahren gründlich überarbeitet werden müsse. Dow stellte die Herstellung ein und baute eine eigene Produktionskette auf, um dem Problem auszuweichen. Die militärischen Produktbeschreibungen haben während des Krieges niemals das Dioxin erwähnt.
Überhaupt hat die wissenschaftliche Erforschung für Young in den 1970er und 1980er Jahren aufgehört. Die Johnston Insel, der letzte Lagerplatz für Agent Orange, ehe es verbannt und ins Meer geschüttet wurde, hatte nach Young im Jahre 1978 keine besonderen Probleme. Aber eine spätere Überprüfung durch die Air Force fand im Jahre 1986 bei biologischen Messungen des Meereswassers bis zu 472 Mrd. Anteile an Dioxin und 682,247 Mrd. an 2,4,5-T [5].
Erstaunlich, wie sehr die kleinkarierte Darstellung in dem Buch an der Sache vorbeigeht, wenn darüber gestritten wird, ob die Schätzungen über das Ausmaß der Sprühaktionen um einige wenige Prozentpunkte differieren! Wir schreiben das Jahr 2010, und vor 38 Jahren überflog das letzte Sprühflugzeug Dörfer und Felder unserer Verbündeten, der Südvietnamesen, und immer noch haben wir keine Antwort auf Fragen wie: Gab es gesundheitliche Auswirkungen? Wie viele „hot spots” hat es gegeben? War das Risiko, krank zu werden, bei Veteranen, die in stark besprühten Gebieten dienten, höher als bei denen, die anderswo waren? Gibt es nachteilige Folgen bei den Menschen in Gulfport, Mississippi, wenn dort Millionen von Gallonen vorbei transportiert wurden, in Fässern, die sehr oft leck waren? Das Institut für Medizin, die Herausgeber der Zeitschrift Nature, der Kongreß und viele andere haben wiederholt gefordert, daß darüber Studien erstellt werden müssen – und nichts ist passiert.
Das sind die zutiefst wichtigen Fragen, auf deren Beantwortung wir immer noch warten. Young behauptet, daß die Wissenschaft durch die unklaren Vorstellungen der Öffentlichkeit „gefiltert” werde. Aber, selbst wenn es einige Unklarheiten gibt, so sind doch Schrecken und Bestürzung die vorherrschenden Gefühle. Wenn es überhaupt etwas gibt, was diese Zusammenstellung von nachgedruckten Materialien wert ist, so die riesige Datenmenge, die zur Beantwortung dieser Fragen genutzt werden kann.
Anmerkungen:
[1] JE Murray: Report to the White House Agent Orange Working Group Science Subpanel, Washington: Office of Science and Technology Policy, 1986
[2] MG Palmer: The Legacy of Agent Orange: Empirical Evidence from Central Vietnam. Soc Sci Med 60: 1061-1070, 2005
[3] JE Flanagan: Vietnam above the treetops: A forward Air Controller reports, New York 1992. – "Freundliche Verluste" entstehen, wenn Militärs eigene Einheiten aus Versehen angreifen. Red.
[4] AL Young, GM Reggiani. Agent Orange and its associated Dioxin: Assessment of a controversy, New York 1988.
[5] G Huse e.a.: Preliminary public health, environment risk, and data requirements assessment for the herbicide Orange storage site Johnston Island, Brooks Air Force Base, 1991
Alvin L. Young:
The History, Use, Disposition and Environmental Fate of Agent Orange,
New York, Springer Verlag 2009
Der Titel, unter dem diese Rezension hier erscheint, ist nicht von den Autoren selbst. Diese verstehen sich als Wissenschaftler und vermeiden in ihrem Verriß jegliche Polemik. Sie kritisieren das Buch vor allem im Hinblick auf seine wissenschafts-handwerklichen Qualitäten und finden haarsträubende Fehler und Mängel. Diese lassen Schlüsse zu, für die sie sich als Wissenschaftler aber nicht zuständig fühlen, also sollen sie hier angedeutet werden:
Eine Untersuchung dieses Gegenstandes (Agent Orange und seine furchtbaren Wirkungen auf den Menschen) mit wissenschaftlichem Anspruch, die sich zum Ziel setzt, die Täter (erst die Air Force, dann die Hersteller Monsanto und Dow) von den von ihnen begangenen Kriegsverbrechen zu entlasten, muß offenbar zwangsläufig die Tatsachen verdrehen, falsch zitieren, andere Arbeiten bewußt mißinterpretieren und verschweigen, um die politisch vorgegebene Darstellung zu „belegen”.
Ist das ein Trost? Das ist es dann nicht, wenn Leser des Buches keine entsprechenden Kenntnisse haben und sich von der schieren unübersehbaren Massen an Photos und Statistiken beeindrucken lassen. Aber es ist vielleicht ein Trost, daß solche Leute es nicht kaufen (es kostet ca. 80 Euro), und wenn doch, nicht lesen werden (sehr langweilig trotz der vielen Bilder). Red