| Dioxin-Tests in Kanada Der Fall Gagetown Art Conolly In der Öffentlichkeit ist bislang nicht bekannt geworden, daß die US-Army in den 1960er Jahren ihre für Vietnam vorgesehenen Giftstoffe vorab in Kanada getestet hat - mit schlimmen Konsequenzen für die in der Nähe des Versuchsgeländes wohnenden Menschen. Unser Autor ist Vizepräsident einer jetzt gegründeten Initiative Agent Orange Association of Canada. |
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Im Mai/Juni 2005 berichteten kanadische Medien daß das chemische Entlaubungsmittel agent orange von der US-Army auf dem Gelände des Militärstützpunkts Gagetown in der Provinz New Brunswick, Kanada getestet worden ist. Mit Zustimmung der kanadischen Regierung testeten damals die US-Militärs agent orange und andere chemische Entlaubungsmittel, um ihre Eignung für die Anwendung in Vietnam zu testen. Das Verteidigungsministerium in Kanada arbeitete mit den US-Militärs zusammen, weil es auch die Eignung dieser Mittel für eigene Zwecke (Rodung von Unterholz) prüfen wollte.
Die kanadische Militärbasis Gagetown ist mit 1100 qkm die größte Militärbasis im Britischen Commonwealth und offizielle Sprecher behaupten, daß die Rodung ihrer dichten Vegetation nötig sei, um Bränden durch Blindgänger vorzubeugen.
Nach Angaben der stellvertretenden Verteidigungsministerin Karen Ellis wurden nur zwei Barrel des giftigen Entlaubungsmittels agent orange "unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen" über 83 acres Boden insgesamt 7 Tage lang in den Jahren 1966 und 1967 ausgesprüht. Die stellvertretende Verteidigungsministerin hat aber verschwiegen, daß im Sommer 1966 die Militärs auch das chemische Entlaubungsmittel agent purple dort eingesetzt haben. Agnt purple enthält mehr als das Dreifache an Dioxin als agent orange. Und es ist mit Arsen versetzt. Agent Purple wurde als so gesundheitsschädlich eingeschätzt, daß die Amerikaner seinen Einsatz in Vietnam ein Jahr zuvor, 1965 gestoppt hatten.
Dokumente, die auf Grund der "Access to Information Act" zugänglich gemacht wurden, zeigen, daß Frau Ellis Aussagen unvollständig waren, was die Aussprühung von Herbiziden auf der Basis Gagetown betrifft. Diese Dokumente belegen, daß von 1956 bis 1984 mehr als 1,3 Mio. Liter flüssiger Herbizide und 2 Mio. lbs trockener Herbizide, die alle das tödliche Dioxin und Hexachlorbezen enthalten, auf über 181.000 acres in der Gagetown Basis ausgebracht wurden.
Im Jahre 1964 gab es, als das Verteidigungsministerium sein Herbizid-Sprühprogramm durchführte, einen "Sprüh-Unfall". Heftige Winde hatten die versprühten Chemikalien in die Wohngegenden von Upper Gagetown und Sheffield verweht. Das Resultat dieses Unfalls war, daß die kanadische Regierung an verschiedene Gärtnereien etwa 250.000 US-$ als Schadensersatz für ausgefallene Ernten bezahlte. Viele glaubten, daß dies eigentlich ein Schweigegeld war, damit die Bauern keine Haftungsforderungen stellten. Örtlichen Zeitungsberichten ist zu entnehmen, daß solche Sprühunfälle regelmäßig vorkamen. Im Jahre 1965 ging das Verteidigungsministerium aus verschiedenen Gründen, unter anderen wegen des Sprühunfalls, dazu über, nunmehr "Tordon 101" in den nächsten 20 Jahren zu versprühen, bis 1984. "Tordon 101 ist das, was die Amerikaner agent white nennen. Es enthält Picloram und 1,4-D in einer Verdünnung von 4:1. Das Picloram enthielt ein träges Wirkungsmittel, Hexachlorobenzen genannt, das sowohl von der US-Agentur für Giftige Substanzen, als auch von der WHO als ein Krebs hervorrufendes bio-akkumulatives Gift bezeichnet wird.
Die Umweltschutzbehörde hat herausgefunden, daß Hexachlorobenzen die Leber angreift, die Nieren, das Blut schädigt sowie die Lungen und das Nerven-, Immun- und Verdauungssystem beeinträchtigt. Noch 20 Jahre lang sprühte das Verteidigungsministerium dieses tödlich Gift auf den Manövergebiet, wo der Kontakt mit Menschen unvermeidlich war.
In einer Informationsveranstaltung gab Najor Mike Rushton vor Vertretern der Provinzverwaltung von New Brunswick zu, daß die Regierung über diese Gefahren wußte, daß die Dioxingefahr erkannt worden sei und deshalb der Einsatz nach 1964 eingestellt worden sei. Indessen ist bekannt, daß das Verteidigungsministerium diese Stoffe weiterhin als ein Ingredienz bei acht Tests benutzte, die im Jahre 1966 und 1967 in Gagetown durchgeführt wurden.
Als alle diese Informationen nach ihrer Veröffentlichung in den kanadischen Medien auf große Aufmerksamkeit stießen, begann das kanadische Publikum Fragen zu stellen und Antworten von der damals regierenden liberalen Regierung zu verlangen. Aber Reaktionen vom Verteidigungsministerium und der Regierung sind nicht so schnell zu erwarten. Das Ministerium ist stets äußerst zögerlich gewesen, irgend etwas zu bestätigen, was mit den chemischen Entlaubungsmitteln zu tun hat. Man gibt nur zu, was durch andere Quellen ans Licht gekommen ist. Das Ministerium und die Regierung haben stets geleugnet, daß es Spühprogramme außer in den Jahren 1966 und 1967 gegeben hat, selbst wenn die eigenen Akten das Gegenteil angeben.
Den offiziellen Angaben des Ministeriums zufolge waren in der Basis Gagetown von 1956 bis 1984 etwa 200.000 Personen stationiert. In dieser Zahl sind Truppen aus England, Schottland und den Vereinigten Staaten enthalten, die dort Manöver abgehalten haben. Die Tragödie betrifft nicht nur die Soldaten, die gesundheitliche Schäden erlitten haben. Auch Ehefrauen und Kinder dieser Soldaten sind krank geworden und gestorben. Und auch Zivilpersonen, die in der Nähe lebten und ihre Familien sind gestorben oder erkrankt.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, daß dieser Militärstützpunkt nicht nur ein Ort war, an dem militärische Übungen stattfanden. Dort wohnten Soldaten und ihre Familien, die dort auch damit beschäftigt waren, Beeren und Äpfel zu ernten, zu jagen, Forellen zu fischen oder Wasser aus den Flüssen zu entnehmen. Tausende von Kindern waren dem Dioxin und dem Hexachlorobenzen ausgesetzt und wurden von ihnen fast vier Jahrzehnt lang vergiftet. Akten des Verteidigungsministeriums zeigen, daß die Sprühungen immer wieder an Orten stattfanden, die ziemlich nahe bei den umgebenden Gemeinden lagen, d.h. in Entfernungen zwischen 1 bis 7 km.
Dieses Ministerium und die Regierung haben niemals eingeräumt, was jetzt beweisbar ist: Es wurden Dioxin und Hexachlorobenzen enthaltende Herbizide in Gagetown von 1956 bis 1984 versprüht. Man hat weder die Gelegenheit ergriffen, dies endlich zuzugeben, als es bekannt wurde, noch hat man umfassend informiert. Im Gegenteil: alle Informationen, die nicht auf andre Weise bekannt wurden, hat man zurückgehalten. Damit hat das Ministerium zuerst bei den Opfern und dann bei der gesamten Bevölkerung jegliche Glaubwürdigkeit verloren.
Zwar wurde von der Regierung eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen (Base Gagetown and Area Fact Finders Project), aber diese Kommission wird vom Verteidigungsministerium geleitet. Man fragt sich ob es sinnvoll ist, daß die Untersuchung durch diejenigen geleitet wird, die eigentlich die Angeklagten sind.
Die Kommission ist nicht das, was behauptet wird: ein öffentlichre Ausschuß. Sie hat kein Recht, Zeugen zu vernehmen oder Aussagen zu berücksichtigen, die ihr bekannt werden und die Fakten belegen. Das "Projekt" hat zwei Hauptaufgaben. Die erste besteht darin, als Informationsvermittlerin zu fungieren zwischen den Betroffenen und der kanadischen Regierung. Es soll sich die Sorgen der Kommunen anhören und dafür sorgen, daß diese sowohl an die Regierung als auch an diejenigen weitergegeben werden, die Ermittlungen durchführen. Die Gemeinden soll sie darüber informieren, was diese Ermittlungen ergeben haben, die die Regierung unternimmt. Die zweite Aufgabe besteht darin, daß der Leiter des Projekts der Regierung über das Verteidigungsministerium einen Bericht übermittelt, in dem die Inhalte der Gespräche mit den Beteoffenen enthalten sind, einschließlich einiger persönlicher Aussagen. Der Leiter ist nicht berechtigt, irgendwelche Vorschläge zu machen, sondern er darf nur die Fakten an die Regierung übermitteln. Dort soll der Bericht bei zukünftigen Entscheidungen der Regierung berücksichtigt werden. Nach unserer Meinung ist das Projekt eine reine public relation-Aktion, welche die Regierung inszeniert, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.
Die Erfahrungen, die bislang mit der Arbeit dieses Projekts gemacht wurden, lassen sich wie folgt formulieren. Die Fact Finders sammeln die persönlichen Daten heutiger und früherer Soldaten und Zivilangestellter, die während der Sprühaktionen anwesend waren. Es ist jedoch keine Rede von deren Frauen und Kindern oder den Nachbarn. Die Zivilangestellten werden aufgefordert, sich mit Entschädigungsforderungen an Arbeiterorganisationen zu wenden, und den Familien und Nachbarn wird der Weg vor Gericht empfohlen. Dies ist eine "teile-und-herrsche" Taktik, die in der Öffentlichkeit stark kritisiert wird. Die Opfer haben inzwischen eine Sammelklage eingereicht und werden von der berühmten Anwaltskammer The Merchant Law Group vertreten.
Weiterhin sollen die Fact Finders die Geschichte der Sprühaktionen von 1954 bis heute aufarbeiten und dabei die Umweltschäden ermitteln. Dabei brauchen sie nur in ihren eigenen Akten zu forschen, die das bestätigen, was inzwischen durch unabhängige Untersuchungen aufgrund der Access to Information Act bekannt geworden ist. Weiterhin sollen die Fact Finders die Risiken für die Gesundheit der Bewohner der Region um den Stützpunkt untersuchen und dabei von den Eigenschaften der chemischen Gifte und dem Grad des direkten Kontakts mit ihnen ausgehen. Diese Studien sollen dann mit Durchschnittswerten der allgemeinen Bevölkerung verglichen werden. Dabei wird übersehen, daß eine Gesundheitserhebung heute nicht zu adäquaten Ergebnissen führen kann. De meisten der 200.000 Soldaten und Zivilisten, die zwischen 1956 und 1984 auf dem Stützpunkt arbeiteten, leben heute nicht mehr in der Region. Die am 10. März diesen Jahres (2005) veröffentlichten Ergebnisse sind dementsprechend "positiv", denn es wurde festgestellt, daß nur 10 % der Bodenproben eine Verseuchung oberhalb der allgemein als ungefährlich angesehenen Werte aufwiesen. Die restlichen 90 % enthielten zwar Dioxin, aber in einer unterhalb des offiziellen Unbedenklichkeitswerts, den der kanadische Ministerrat für Umweltschutz festgelegt hat. Da Dioxin eine Halbwertzeit von 5 bis 10 Jahren hat, muß man sich fragen, welches wohl die Werte vor 50 Jahren waren. Außerdem wurden die Proben nicht auf Hexachlorobenzen untersucht.

Art Conolly bei seinem Bericht an die Dioxin-Opferkonferenz im März 2006
Demgegenüber sind wir der Meinung, daß die Militärbasis Gagetown aufgegeben werden muß. Nach 50 Jahren des Verschweigens und der Lüge kann man diesem Projekt nicht mehr trauen.
Im Januar 2006 wurde eine neue konservative Regierung unter dem Premierminister Stephen Harper gewählt, der in seiner Wahlkampfkampagne den Opfern von Gagetown medizinische Hilfe und Entschädigungen versprochen hatte. Nach der Wahl hieß es in Medienberichten, die neue Regierung werde die "agent orange-case" dem Verteidigungsministerium entziehen und dem Veteranenministerium übergeben. Dies ist jedoch bis heute nicht geschehen.
Die Agent Orange Association hat Tausende von Emails, Briefen und Telefonanrufen von Opfern dieser Tragödie erhalten, in denen das Sterben, die Krankheit und die Hoffnungslosigkeit beschrieben werden. Es sind Berichte über die Zerstörung von Leben durch Krankheiten, die in den Augen Vieler unerklärbar sind. In Kanada herrscht ein starker Mangel an medizinischem Personal, das mit der Diagnose und der Behandlung solcher chemischer Vergiftungen vertraut ist. Die Opfer haben niemanden, an den sie sich um medizinische Hilfe wenden können.
Die kanadische Regierung muß ein Diagnose-Programm auflegen und Mittel bereitstellen für Behandlungskosten, die die Krankenversicherungen nicht bezahlen. Es müssen juristische Voraussetzungen geschaffen werden, mit denen die Opfer ihre Rechte einklagen können. Vor allem aber erwartet die Öffentlichkeit von der kanadischen Regierung einen Schritt, der sowohl den Toten als auch den noch lebenden kranken Familienangehörigen ihre menschliche Würde wiedergeben könnte: ein Eingeständnis und eine Entschuldigung.
Photos The Magazine Toronto (2) und privat (1)